Technik-Unterschiede auf verschiedenen Harfentypen

treespirit
ganz schön fleißig
Beiträge: 81
Registriert: Do 2. Jan 2014, 01:25
Postleitzahl: 04229
Land: Deutschland
Meine Harfe(n): Chromatische Harfe der Klangwerkstatt (C bis a''')
Kleine keltische Harfe "Kairos" von Pepe Weissgerber (F bis a''')
Paki (c bis c''')
Wohnort: Leipzig

Technik-Unterschiede auf verschiedenen Harfentypen

Beitragvon treespirit » Mi 12. Mär 2014, 14:54

Ich poste das mal hier; eine perfekte Kategorie konnte ich nicht finden. Es geht um "die" Spieltechnik "der" Harfe.

Nach einigem Umherlesen hier im Forum und im Netz scheinen sich zwei generelle Positionen abzuzeichnen: Die einen stellen eine Art Hierarchie auf; das eigentliche, beste, richtige seien die Konzertharfe und ihre Technik, und dem Spieler beispielsweise einer handgebauten, zartbesaiteten Schoßharfe, wird auf die Hände geschaut, ob er denn die Daumen hoch genug hält. Die anderen sagen, die "klassische Technik" sei vor allem für die Doppelpedal-Harfe mit ihrer hohen Saitenspannung optimiert und führe auf anderen Harfentypen nicht unbedingt zu guten Ergebnissen.

Darüber wüsste ich gern mehr! Ich kämpfe gerade mit meiner nicht einmal einen Monat alten 6-6-Harfe, die man mit klassischer Technik beim besten Willen nicht spielen kann, aber mit anderen Nicht-Konzertharfen gibt es bestimmt ähnliche Erfahrungen. Die Technik der Konzertharfe ist klar definiert und tradiert. Lassen sich denn für alle anderen, schwächer bespannten oder enger besaiteten Harfentypen ähnliche allgemeine Prinzipien aufstellen, wie die Spieltechnik sich anpassen muss?

Freue mich auf eure Erfahrungen und Meinungen!

treespirit
ganz schön fleißig
Beiträge: 81
Registriert: Do 2. Jan 2014, 01:25
Postleitzahl: 04229
Land: Deutschland
Meine Harfe(n): Chromatische Harfe der Klangwerkstatt (C bis a''')
Kleine keltische Harfe "Kairos" von Pepe Weissgerber (F bis a''')
Paki (c bis c''')
Wohnort: Leipzig

Re: Technik-Unterschiede auf verschiedenen Harfentypen

Beitragvon treespirit » Do 13. Mär 2014, 12:14

Hi Karsten (darfst mich gern Bernd nennen),

Ich bin schon mit einigen 6-6-Freunden im Gespräch und bekomme da interessante Impulse (craaazy Fingersätze!); ich hab aber bewusst so grundsätzlich und dogmatisch gefragt - nicht weil ich so denken möchte, sondern weil es sich leichter diskursiv in der Mitte herumlavieren lässt, wenn man die Extreme kennt. Es ging mir auch nicht explizit um die 6-6-Harfe, sondern prinzipiell um verschiedene Harfen und wie man sie spielt.

Eigentlich ist ja die Arbeitsaufgabe: Wie kriege ich mit dem geringsten Aufwand die schönsten Töne aus meinem Instrument? Wie ist das denn bei deinen Harfen, wie entlockst du ihnen den ultimativen Wohlklang? Wenn ich meine Paki mit klassischer Technik zu spielen versuche, fängt sie jedenfalls ganz böse an zu husten. :_grin_:

Zur Problematik der Konzertharfe: was würde denn durch eine falsche Belastung der Muskulatur und Sehnen passieren? Kann man die Hand denn nicht später noch umtrainieren? Ich erinnere mich daran, dass ich damals auf dem Klavier erstmal zu tun hatte, mir meine schludrige Keyboard-Technik wieder abzugewöhnen und einen sauberen, kontrollierten Anschlag zu entwickeln - aber am Ende hat's doch ganz gut geklappt. Auch bei meinen Schülern gibt es da ganz unterschiedliche Entwicklungen. Im Unterricht kann ich ihnen auf die Finger schauen, aber zwischendrin sind sie ja auf sich allein gestellt und gewöhnen sich auch manchmal schlechte Sachen an. Und klar, das dauert dann ein bisschen, bis man die wieder gebügelt kriegt, aber mit etwas Aufwand und ernsthaftem Bemühen geht es eigentlich.

Die Faustregel, dass etwas nicht stimmt, wenn es sich nicht gut anfühlt, geht aber auch manchmal daneben. Viele Klavieranfänger fühlen sich erstmal gar nicht wohl mit der richtigen Fingerstellung oder mit manchen Fingersätzen - einfach weil alles ungewohnt ist und noch nicht zu guten Ergebnissen führt. Aber nach einer Weile des Übens erkennen sie dann die Vorzüge der empfohlenen Technik. Ohne einen Lehrer ist das schwer zu beurteilen; daher kann es, denke ich, schon helfen, wenn erfahrenere Spieler einem Dinge sagen wie: Ja, es ist erstmal komisch; aber es ist trotzdem gut, mach ruhig so weiter. (Oder: Hast recht, mach's anders.)

Kann natürlich sein, dass das auf hohem Niveau was anderes ist ... auf dem Weg an die Spitze kann man sich womöglich nicht allzuviele Umwege erlauben. Aber für die meisten von uns, die nicht schon seit dem fünften Lebensjahr täglich trainieren, ist die Frage einer professionellen Klassikkarriere doch ohnehin schon beantwortet, oder?

Ich hab gestern abend noch eine Stunde auf Youtube verbracht und Park-Stickney-Videos angeguckt - großartig, der Typ! :_grin_: Das war vom Harfentechnikgott bestimmt nicht so vorgesehen, dass der Harfenist sich über seinem Instrument zusammenkrümmt wie Gollum über seinem "Schahahaaatz" und während der Performance mit der Klangdecke kuschelt. Danke für diesen Tipp, so ein geglückter Bruch mit dem Dogmatismus ist immer wieder erfrischend!

Benutzeravatar
Reidun
nicht mehr wegzudenken
Beiträge: 584
Registriert: Mi 30. Nov 2005, 00:43
Meine Harfe(n): Chromatische Harfe von Henrik Schupp, grosse Harfe von Pepe Weissgerber, Hobbit von Klaus Regelsberger
Wohnort: GLENCUTTAUNE LOWER, BEAUFORT (Killorglin), Kerry, Irland
Kontaktdaten:

Re: Technik-Unterschiede auf verschiedenen Harfentypen

Beitragvon Reidun » So 7. Feb 2016, 13:41

Park Stickney haelt die Harfe wie eine Geige : unterm Kinn ! :-D
Reidun im Netz: http://www.harpmusic.ie

Benutzeravatar
Maira
nicht mehr wegzudenken
Beiträge: 2607
Registriert: So 6. Jan 2013, 17:59
Land: Deutschland
Meine Harfe(n): Maira Bausatz von Klaus Regelsberger
Kairos von Pepe Weissgerber
Kantele aus Finnland

Re: Technik-Unterschiede auf verschiedenen Harfentypen

Beitragvon Maira » So 7. Feb 2016, 15:09

Das hat wohl auch seinen Grund.
Wer Park einmal bei einem Auftritt erleben durfte und ihm mal auf die Füße geschaut hat , der weiß , warum Park das so macht.
So wie er spielt wohl kein anderer. Park ist nicht nur sehr schnell mit den Fingern , er spielt fast genau so schnell UND viel mit den Füßen.
Wenn er dann in den tiefen Saiten der Harfe spielt und dann auch noch derartig viel Pedale hebelt wird schon klar , hielte er die Harfe
nicht mit dem Kinn fest , würde sie bestimmt vornüber kippen.
Ich habe mir das mal in Lauterbach im Zelt bewusst von der Seite her angeschaut.
Das ist echt sehenswert.
Und hörenswert.
Einfach einzigartig.
Phänomenal.
Mach doch , was Du willst. Ich mach auch , was ich will.
Aber ich mach das wirklich.

Oliver

Re: Technik-Unterschiede auf verschiedenen Harfentypen

Beitragvon Oliver » So 7. Feb 2016, 19:09

Ich habe schon Musiker gehört und gesehen, die technisch betrachtet "unter aller Sau" gespielt haben, musikalisch aber ein echter Leckerbissen waren. Das andere Extrem wäre technisch perfekt, aber musikalisch eine Katastrophe. Auch das gibt es.

Für mich stellt sich immer die Frage: "Was will ich erreichen?"

Mit einer "eigenen Technik" kommt man manchmal schon sehr weit. Reicht mir das? Wenn nicht, dann schlage ich lieber gleich einen Weg ein, bei dem ich von erfahrenen Lehrern lernen darf, denn Umlernen ist meist schwieriger als Neulernen. Wenn nicht, dann tut's auch meine selbst gebastelte Wohnzimmertechnik.

Bei der Harfe ist der Variationsbereich der "richtigen" Technik wohl sehr weit gefächert, weil es so viele unterschiedliche Harfentypen gibt. Ganz besonders "abgefahren" wird es bei deiner 6/6. Daumen hoch, runter, wie man's eben gerade braucht.

Als kleines Beispiel kann ich kurz einen Ausflug zur Gitarre machen: mein erster Gitarrenlehrer lehrte ganz klassisch: die Finger der rechten Hand müssen um 90°-Winkel zu den Saiten stehen. Nur so können die Saiten optimal gezupft werden. Ein späterer Lehrer vertrag genau das Gegenteil: das Handgelenk darf nicht abgeknickt sein, das wäre nicht gut für die Gesundheit. Er verwies mich auf einige erstklassige Gitarristen und meinte, ich solle mir mal ihre Handhaltung anschauen. Niemand spielte die "90°-Technik".

Übrigens: Menschen im fortgeschrittenem Alter haben es oft leichter, die von der Physiologie gegebene gesündere Haltung zu finden: Wenn sie etwas falsch machen, spüren sie gleich den Schmerz. Ein junger Körper steckt eine Fehlhaltung oder -bewegung leichter weg!

Harfenkind
ganz schön fleißig
Beiträge: 53
Registriert: Mi 2. Sep 2015, 15:30
Postleitzahl: 55234
Land: Deutschland
Meine Harfe(n): Daphne 46
alte Volksharfe (Kröll)
Aziliz
Spanische Barockharfe (Thurau)
7/5- Harfe (Martin Gust)
kleine gotische Harfe (Thurau)

Re: Technik-Unterschiede auf verschiedenen Harfentypen

Beitragvon Harfenkind » Mo 7. Mär 2016, 11:31

Hallo treespirit und alle, die dieses Thema wie mich immer wieder interessiert,

die Meinung, welche Technik die "richtige" ist, wird wohl immer abhängig sein von den Harfen, die man spielt und welche Erfahrungen man gemacht hat.
Auch: welche Saitenspannung spiele ich? Meine Schüler, die eine Harfe mit starker Spannung spielen wie Konzertharfen, spielen alle mit viel Kraft und "rupfig", das spielen mit "Spannung und Entspannung" wie es auf der Konzertharfe nötig ist, ist ihnen oft erst verständlich, wenn sie öfter Drei- und Vierklänge spielen. (Die Vorteile zu erkennen hat auch damit zu tun, wie viel man an der Harfe sitzt!) Dann ist das krampfig spielen aber schon eintrainiert. Daher empfehlen ich eher, auf einer Harfe mit mittlerer Spannung zu beginnen, auch wenn man mit Konzertharfe liebäugelt. Umgewöhnen muß man sich dann ohnehin, wichtig finde ich, mit gleichen Saitenabstände zu beginnen.
Andererseits ist das Spielen eben mit "Spannung-Entspannung" Harfenschülern mit sehr leichter Besaitung kaum verständlich zu machen, es ist für einen schönen Ton und entspanntes Spielen nicht essentiell.
Das ewige Thema Daumenhaltung ist auch abhängig von dem Saitenabstand der Harfe, die man spielt. Auf einer Böhmischen von der Klangwerkstatt braucht man eine etwas andere Handhaltung als auf einer Harfe mit "Normabständen". Mir ist immer wichtig, daß der Daumen "obenherum" spielt und nicht waagrecht. So kann man im Prinzip auf jeder anderen diatonischen Harfe auch spielen.
Das gilt nicht für die historischen Harfen: die gotische spiele ich mit total waagrechten Fingern (meine hat historisch enge Abtände), mit klassischem "Daumen hoch" ist die Harfe definitiv nicht spielbar. Genauso meine spanische Barockharfe: Die zu lernen wird eine Lebensaufgabe sein: Die Spielweise hat überhaupt gar nichts mit klassischer Harfentechnik zu tun, das ist wie ein anderes Instrument.
Mit klassischer Technik komme ich auf meiner 7/5- Harfe schon etwas weiter: Die C-Dur -Reihe inclusive Fingersätzen ist wie auf der Diatonischen, dann wird es sehr anders. Das muß ich auch ganz neu lernen: zum Beispiel, mit total anderen Finger-, Hand- und Handgelenkstellungen klar zu kommen, wie Du auch es auch auf der 6/6 mußt. Oder die Reihenfolge der Finger ändern: 3421 oder 3241 für einen Vierklang zum Beispiel, es kommt auf die Verteilung auf die beiden Saitenebenen an. Wie man das auf einer original Pleyelharfe (Konzertharfengröße und -saitenspannung) spielt, kann ich nur vage ahnen (meine 7/5 von Martin Gust hat ganz leichte Besaitung).

Mal schauen, was Euch noch zu dem Thema einfällt.
Park Stickney habe ich auch schon gesehen. Ers spielt mit den Pedalen ja so viel wie mit den Fingern.... ich hoffe, er hat keine Rückenbeschwerden.

Benutzeravatar
alice_strings
schon länger da
Beiträge: 15
Registriert: Fr 26. Feb 2016, 10:53
Meine Harfe(n): Kleine Harfe mit gut-strings und ohne levers (DIY), wire-strung harp (von grandpa eerbt).

Re: Technik-Unterschiede auf verschiedenen Harfentypen

Beitragvon alice_strings » Do 10. Mär 2016, 20:37

Mir ist immer wichtig, daß der Daumen "obenherum" spielt und nicht waagrecht. So kann man im Prinzip auf jeder anderen diatonischen Harfe auch spielen.
Das gilt nicht für die historischen Harfen: die gotische spiele ich mit total waagrechten Fingern (meine hat historisch enge Abtände), mit klassischem "Daumen hoch" ist die Harfe definitiv nicht spielbar.
Für die gothic harp gibt es auch noch diese thumb under-technique. Aber da muss man ganz viel aufpassen. Freundin von mir hat das gemacht und schlimme Schmerzen bekommen am Daumengrundgelenk. (dictionary sei Dank! :_wink_: Das Wort kannte ich noch nicht.) Und der Lehrer sagt, mach weiter, so ist richtig. Und die Schmerzen wurde immer schlimmer. Und da hat ein anderer Dozent festgestellt, dass sie gar nicht das Gelenk am Daumen beugen kann. Da bewegt sich nichts! Erst am Handgelenk, und daher die Schmerzen. Und jetzt spielt sie mit Daumen waagerecht, vielleicht etwas hoch.

Ist doch grauenvoll! :_shocked_:
Celtic knotwork on a harp is nice; Celtic knotwork in the fingers… maybe not. ;-)
http://alicesteward.tumblr.com/scores

Nea
schon länger da
Beiträge: 26
Registriert: Mo 1. Aug 2011, 23:34
Land: Deutschland

Re: Technik-Unterschiede auf verschiedenen Harfentypen

Beitragvon Nea » So 29. Jan 2017, 18:26

Der Thread ist zwar schon etwas älter. Ich wollte nur kurz Folgendes ergänzen: "Die Harfentechnik" gibt es in der Form nicht. Diese unterscheidet sich schon bei den unterschiedlichen Harfentypen, z. B. Doppepdalharfe (Konzertharfe), historische Doppel- oder Einfachpedalharfe (mit niedrigerer Saitenspannung) oder moderne (mit höherer Saitenspannung) oder historische chromatische Harfen (eher mit niedrigerer Saitenspannung).

Innerhalb der einzelnen Instrumentengruppen gibt es dann weitere Unterschiede, die sich nach meiner Erkenntnis auch nach den Besonderheiten der jeweilgen Spieler richten, z.B. lange schlanke Finger, eher kürzere Finger etc. Es gibt aber innerhalb der Gruppen Richtwerte, z. B das, was Schulen, für das Instrument als besonders gut hervorheben, Beispiel: Harfen mit hoher Saitenspannung - Daumen hoch.


Zurück zu „Klassik“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast