Böhmische Musik auf der Harfe

Josef

Böhmische Musik auf der Harfe

Beitrag von Josef » Sa 26. Mär 2005, 10:25

Spielt hier sonst noch jemand Stücke aus Böhmen (außer Merit),
oder wird die böhmische Harfe sonst immer "zweckentfremdet"?

ein Exil-Tscheche
(der zugegebenermaßen noch keine böhmische Harfe hat...
Schande über mich)

Josef

Beitrag von Josef » Sa 23. Apr 2005, 17:55

...offenbar nicht...

Dann mache ich mal hier den Anfang. Wenn heutzutage soviele Leut von der böhmischen Harfe begeistert sind (siehe in diesem Forum die guten Kritiken und den Ansturm auf Angebote solcher Harfen von der Klangwerkstatt), jedoch z.B. schottische Musik drauf spielen (siehe Wendy Stewart), so wird es meiner Meinung nach höchste Zeit für eine Renaissance der böhmischen Harfenmusik. Die paar rezenten böhmischen Harfner (die zur Harfe nicht im Zuge der ausgestorbenen heimischen Harfnertradition, sondern durch die Wiederbelebung der "keltischen" Musik gestoßen sind), spielen zwar bisher meist keltisches Zeug, aber dennoch sind schon vielversprechende Tendenzen in statu nascendi (siehe die Prager Harfengesellschaft und die Versuche zur Schaffung eines böhmischen Harfentreffens).

Immerhin gibt es sehr schöne tschechische und mährische Volkslieder, die geradezu nach der Harfe schreien, und historisch gesehen gab es ja in jenen Landen auch eine populäre Harfentradition, bis sie durch aktive Unterdrückung durch Neider und Moralisten niedergemacht wurde. Unter anderem weil die Herren in den Ordnungsämtern auf die Gagen der Harfenspieler neidisch waren.

Bisher weiß ich von Merits Wiederbelebungen von böhmischen Melodien aus alten Notenbüchern.
Selber bin ich gerade dabei, einige tschechische Lieder für die Harfe zu arrangieren. Um nicht offene Türen einzurennen, frage ich an dieser Stelle, ob vielleicht schon jemand sowas getan hat -- zwecks Austausch von Ideen, Material und Informationen.

Beste Grüße
Josef
Zuletzt geändert von Josef am Sa 23. Apr 2005, 17:58, insgesamt 1-mal geändert.

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Beitrag von merit » Sa 23. Apr 2005, 18:50

Sage mal, lieber Josef, hast Du eigentlich schon einmal versucht, Dich mit Nancy Thym auszutauschen? Ich weiß, es ist nicht leicht, an diese vielbeschäftigte Harfenspielerin heranzukommen, aber sie ist sicher eine der ersten Ansprechpartner.
Viel Glück, Merit
PS: Bin von Mittwochabend bis Donnerstagmittag in Lißberg. Grüße mir, falls Du hinfährst, doch bitte Eric und Anna!

Josef

Beitrag von Josef » So 24. Apr 2005, 00:07

Liebe Merit,

danke für den Hinweis...

richtig, Nancy Thym ist vielbeschäftigt... früher oder später werde ich sie hoffentlich auch mal erwischen.
»Zum heil'gen Ab'nd um Mitternacht
Da fließt statt Wasser Wein,
Und wenn 'ch mich nur net färchten thät
Da holt 'ch mir 'n Topp voll 'rein.«

»Sihdi, was ist das!« rief Halef. »Hier singt ein Weib. Ist das möglich?«

Ich nickte bejahend und hörte noch die nächste Strophe:

»Mer hab'n aach neunerlei Gericht,
Aach Wurscht und Sauerkraut;
Das hat mei' Alte vorgericht't,
Die alte, gute Haut.«
Und da ist sie wieder, die Doppeldeutigkeit des Wortes "böhmisch": Ohne Zweifel gehört die Preßnitzer Harfentradition historisch und geographisch nach Böhmen, aber so wie man den Begriff "keltisch" besser in schottisch, irisch und so weiter aufbröselt, so ist meiner Meinung nach "böhmisch" nicht einheitlich.

Soweit ich informiert bin, vollzieht Nancy Thym in ihrer Quellenforschung und ihrem Konzertprogramm die Harfenmusik der Preßnitzer Harfner nach, die ja rein deutschsprachig waren, und mit ihren Harfen entsprechend viel in die benachbarten deutschen Länder zogen und in Berlin, Leipzig, Hannover usw deutsche Lieder spielten. (Dementsprechend war das Preßnitzer Harfenleben unabhängig von der Mißgunst der tschechischen Harfenhasser, die es hauptsächlich auf die auf Tourneen im Osten gutverdienenden tschechischen Harfenkapellen aus Nechanitz abgesehen hatten, und wurde somit erst mit der Vertreibung der Deutschen nach dem Krieg ausgelöscht.)

Schlägt man bei Jiri Klenha ("Das Harfenspiel in Böhmen", Prag 1998) nach, der sein Kapitel über das Preßnitzer Harfenspiel ja hauptsächlich aus Quellen von Nancy Thym aufgebaut hat, findet man Lieder wie "Ei Päita, stääih aaf", "Da Engl iis kumma", "Glück auf, der Steiger kommt" und dergleichen. Auch Kara Ben Nemsi erzählt in Karl Mays Roman "Von Bagdad nach Stambul" von einem Zusammentreffen mit einer Preßnitzer Harfenjule auf Tournee in Damaskus, deren Freude, einen Deutschen zu treffen und dem auf Wunsch gespielten deutschen Lied "Wenn sich zwei Herzen scheiden". (Siehe Karl may online: http://gutenberg.spiegel.de/may/bagdad/bagdad6.htm)

Ich bin da mehr an tschechischen Liedern interessiert, denn wenn ich böhmische Harfenmusik im heutigen Böhmen wieder popularisieren will, muß ich entsprechend das spielen, womit sich die heutigen Bewohner Tschechiens identifizieren können, um sich wieder ihrer eigenen Volksmusik zu besinnen und (vielleicht?) zur Harfe zurückzufinden - und das werden sie eher tun, wenn ich zur Harfe tschechische Lieder singe, anstatt auf deutsch.
Entsprechend würde ich, wenn ich das nächste Mal mit der Harfe z.B. in der Bretagne bin und die Franzosen von mir quelque chose tchèque hören wollen, eher ein Lied auf tschechisch zur Harfe wählen als etwas aus dem Repertoire der Sudetendeutschen aus Preßnitz.
(Nicht, daß z.B. das bei den preßnitzer Harfnern beliebte "Glück auf, Glück auf" kein schönes Lied wäre - ich mag es gern, insbesondere die unter Studenten beliebten Fakultätsstrophen... aber jenes Lied trifft heute ein anderes Publikum.)

Grüße
Josef
Zuletzt geändert von Josef am So 24. Apr 2005, 00:40, insgesamt 1-mal geändert.

Anne-Marie

Beitrag von Anne-Marie » So 24. Apr 2005, 13:18

Nancy ist bald auf dem Freisinger Harfentreffen sehr gut greifbar!

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Lohnt sich!

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Beitrag von merit » So 24. Apr 2005, 14:35

Hast recht mit den Preßnitzern, wenn es Dir um TSCHECHISCHSPRACHIGE Lieder geht und darum, die heutigen Harfenspieler über die Sprache zu "kriegen". Das mit der vielzitierte Kunzschen Sammlung "Böhmische Nationalgesänge und Tänze" und ihren durchgehend gemischten Liedtexten hilft Dir da auch in der Argumentation nicht viel weiter.
Aber Jiri Klenha himself - hast Du den schon kontaktiert? Sicher ist in den in seinem Buch zitierten Harfenspieler-Notenheften auch das ein oder andere auf Tschechisch dabei und nicht nur Stücke in phonetischem Russisch oder Chinesisch!
Auf Jiri hat mich übrigens auch Jana Souflova in diesem Zusammenhang verwiesen.
Viel Glück, liebe Grüße, Merit

Josef

Beitrag von Josef » Di 26. Apr 2005, 02:36

@Anne-Marie: wie schön wäre es, wenn ich mich so wie eine Amöbe einfach durchschnüren und somit verdoppeln könnte, denn dann könnte ich gleichzeitig in Freising Nancy auf die Nerven gehen und in Lißberg Eriks schwedischer Musik an der Harfe zuhören...

@Merit: Nancy Thym hat mich auf Jiri Klenha verwiesen. Direkt von ihm habe ich seine Zither-CD und sein Harfenbuch im Original. Somit sind mir Lieder wie "Harfenice ubohá" und die anderen Beispiele aus den Notenheften bekannt. Auch das im ersten Kapitel ("Aus der gestrigen und heutigen Kleinseite") ohne Notenbeispiel zitierte Lied "Harfenice" habe ich inzwischen aufgetrieben.

übrigens wird das Wort "böhmisch" im Tschechischen eh mit dem Begriff "tschechisch" gleichgesetzt. Böhmen = Čechy, böhmische Harfe = česká harfa ...
Zuletzt geändert von Josef am Do 29. Sep 2005, 01:30, insgesamt 1-mal geändert.

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Beitrag von Der Juergen » Di 26. Apr 2005, 09:46

Nancy ist bald auf dem Freisinger Harfentreffen sehr gut greifbar!
... oder kurz danach (26.-29. Mai 2005) auf dem Harfentreffen (www.harfentreffen.de).
Aber da bist du ja bestimmt schon angemeldet, Josef!?

Liebe Grüße
Jürgen
Zuletzt geändert von Der Juergen am Di 26. Apr 2005, 09:47, insgesamt 1-mal geändert.
#HarpistsForFuture www.harfensommer.dewww.zeitenklang.de • harfenwinter.de • harfenbaukurs.de

Das Ziel ist das Ziel.
Jürgen Steiner

Josef

Beitrag von Josef » Fr 23. Sep 2005, 23:27

Wen's interessiert: ich habe einen kleinen Literaturüberblick über Geschichte, Verbreitung und Repertoire der böhmischen Wanderharfner geschrieben.

http://home.arcor.de/strakajoe/harfa/bohemianharp.html

Falls da Sachen drinstehen, die historisch unkorrekt sind, bitte Mail an mich. Der Aufsatz wird demnächst noch vervollständigt und um Bilder erweitert. Ich werde auch ein paar Zeichnungen hinzufügen, wenn ich in den nächsten Wochen mal Zeit zum Zeichnen finde.

mit harflichen Grüßen
Josef
Zuletzt geändert von Josef am Do 29. Sep 2005, 00:30, insgesamt 1-mal geändert.

Gast

Beitrag von Gast » Di 27. Sep 2005, 12:27

Josef hat geschrieben:Wen's interessiert: ich habe einen kleinen Literaturüberblick über Geschichte, Verbreitung und Repertoire der böhmischen Wanderharfner geschrieben.
Hallo, Josef,

ich habe den Aufsatz auf Deiner Homepage gelesen und bin überrascht - ich wußte eigentlich gar nichts über diese reiche böhmische Tradition. Danke für Deine Mühe!!! :_smile_:

Kleine Bitte: ich stelle meine Harfe(n) demnächst (wie jedes Jahr) in einer Instrumentenkunde-Vorlesungs-Reihe an der hiesigen (meiner ehemaligen "Mater") Musikhochschule vor und würde gerne auch einige Informationen über die Böhmischen Wanderharfner(bewegung) und deren Geschichte + Tradition einflechten. Darf ich einige Deiner Infos benutzen? Ich würde mich freuen!

herzlich grüßt
cantanova

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