Harfe mit Handicap

Ghwenhyfar
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Harfe mit Handicap

Beitrag von Ghwenhyfar »

Hallo ihr Lieben,

ich habe da eine vielleicht eher ungewöhnliche Frage.
Gibt es hier Harfenspieler, die trotz Einschränkungen an einer Hand Harfe spielen?
Bzw. könntet ihr euch vorstellen, daß eine Harfe auch gut klingen kann, wenn man nicht beide Hände uneingeschränkt nutzen kann? Vielleicht durch Anpassung oder Vereinfachung von Notensätzen?
Weshalb ich frage? Weil ich seit Jahren, um nicht zu sagen Jahrzehnten nicht die Frage aus dem Kopf bekomme, ob ich mit einer Einschränkung der Motorik der linken Hand eher Frustration erlebe oder vielleicht doch Freude daran entwickeln könnte Harfe zu erlernen. Mir ist klar, daß ich da wahrscheinlich nicht das volle Potenzial einer Harfe ausschöpfen könnte. vielleicht gibt's ja hier jemanden, der es schonmal ausprobiert hat oder jemanden, der da ein paar Ideen hat? Tendenziell neige ich immer mehr dazu, es ausprobieren zu wollen, besonders nachdem mir eine Harfinisten zurückgemeldet hat: "Wenn du spielen willst, mach es einfach - trau dich!" Vielleicht habt ihr hier die ein oder andere Idee, die mir helfen könnten zu entscheiden, da ich jetzt auch nicht auf der billigsten Harfe ausprobieren wollen würde.
Ich bin gespannt auf Eure Einschätzung!

Liebe Grüße Ghwen
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Mary Greenleaf
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Re: Harfe mit Handicap

Beitrag von Mary Greenleaf »

Hallo liebe Ghwen,

also ich habe die Erfahrung gemacht, dass Harfe auch mit einer Hand Spaß macht. Wenn Du Deine Stücke entsprechend anpasst, kann auch ein einfacher Drone ganz toll klingen. Da kann man mit etwas Fantasie schon einiges machen.
Mir ist leider nur ein Beispiel für einen Harfenisten mit Handicap eingefallen. Rüdiger Oppermann von den Klangwelten.
Er schreibt auf seiner Seite unter Biographie:
"Bedingt durch eine schwere Handverletzung, kann er auf diesen Tourneen nicht mit der linken Hand spielen, was der Geschwindigkeit der Rechten zugute kommt. Während des Klinikaufenthalts entwickelt er die Idee zu KlangWelten."
https://www.klangwelten.com/ro/biograph ... togalerie/

Wenn Du das Instrument magst, solltest Du dich jedenfalls nicht aufhalten lassen.

Liebe Grüße,
Mary
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Der Juergen
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Re: Harfe mit Handicap

Beitrag von Der Juergen »

Ich hatte hier schon vor Jahren mal ein Video eingestellt, in dem Harper Tasche einhändig spielt:



Erstmalig erwähnt hatte es Sabine hier schon vor 10 Jahren :_wink_:
Zuletzt geändert von Der Juergen am Do 6. Feb 2020, 16:32, insgesamt 1-mal geändert.
#HarpistsForFuture www.harfenwinter.dewww.harfensymposion.de (beratende Mitarbeit) • harfenbaukurs.de • harfensommer.de • zeitenklang.de

Das Ziel ist das Ziel.
Jürgen Steiner
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Susanne Globisch
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Re: Harfe mit Handicap

Beitrag von Susanne Globisch »

Hi Ghwen,

ich würde auch zu „unbedingt ausprobieren“ raten!
Was die Erfahrungen betrifft, hatte ich mal eine Schülerin, die (nachdem sie schon ein paar Jahre Harfe spielte) einen üblen Unfall mit einer Bowlingkugel hatte und der deswegen ein Teil der Fingerkuppe amputiert werden musste. Und es war ganz erstaunlich, wie viel dann doch noch ging.
Also, ganz klar: wo ein Wille (und Freude an der Musik und am Spiel), da ist auch ein Weg.

Besonders wichtig scheint mir das mindset zu sein: wenn Du Dich ständig an nicht eingeschränkten Harfeninst*innen misst, wirst Du Dich vor allem am Anfang wahrscheinlich ständig „defizitär“ fühlen. Wenn Du dagegen schaust, was mit Deinen Möglichkeiten geht und voller Freude und Selbstbewusstsein Deinen Weg gehst, wird da sicher etwas sehr schönes dabei rauskommen. Für Dich und andere.

Vielleicht liest Du auch mal was über Django Reinhardt (Zitat von Wikipedia):
Django Reinhardt lernte früh Violine, Banjo und schließlich Gitarre zu spielen und begann seine Karriere als professioneller Musiker als Zwölfjähriger mit dem Akkordeonisten Guérino. 1928 begleitete er auf ersten Schallplattenaufnahmen die Akkordeonisten Jean Vaissade, Victor Marceau und Maurice Alexander.[4]
Am 2. November 1928 erlitt Django Reinhardt schwere Verletzungen beim Brand seines Wohnwagens, nachdem die im Wohnwagen befindlichen Zelluloidblumen, die Djangos damalige Frau (Florine „Bella“ Mayer) am folgenden Tag verkaufen wollte, Feuer gefangen hatten. Djangos rechtes Bein war gelähmt und seine linke Hand wurde stark verbrannt; daneben erlitt er am Körper schwere Verbrennungen. Die Ärzte hatten vor, das Bein zu amputieren, doch Reinhardt erholte sich von den Verletzungen. In den folgenden anderthalb Jahren der Rehabilitation entwickelte Django Reinhardt eine neue virtuose Spieltechnik, bei der er für das Spielen der Melodie lediglich Zeige- und Mittelfinger einsetzte.
Was die Harfe betrifft, würde ich Dir dazu raten, eher mal zuerst eine gute Harfe auszuleihen als eine nicht so gute zu kaufen. Da Du dann nicht so viele Töne gleichzeitig spielen wirst, ist ein voller Klang und eine leichte Ansprache sicher von Vorteil (auch damit die gesunde Hand nicht gleich überlastet wird).

Viel Freude beim Ausprobieren wünscht
Susanne
May Peace and Love be with us. Always.
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Maira
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Re: Harfe mit Handicap

Beitrag von Maira »

Wenn Du das willst dann geht auch das.
Ich habe eine Schülerin, sie hat Klavier, Geige und Gesang studiert.
Sie wollte schon immer Harfe spielen.
Sie hat sich nun in der 2. Lebenshälfte dazu entschieden das zu machen.
Sie spielt mit einer Hand vorwiegend mit 3 Fingern.
Sie hat multiple Sklerose, sitzt im Rollstuhl und ist fast vollständig gelähmt.
Und sie hat Spaß daran, nimmt das richtig ernst und...
sie macht das richtig gut.
Klar, so wie das da steht, das kriegt sie nicht hin.
Aber sie überrascht mich immer wieder was sie so mit ihren 3 Fingern hinbekommt.
Anspruchsvoll ist sie auch, an mich und an sich.
Das ist kein LariFari, das ist Harfe spielen, auf ihre Art.
Musik machen ist immer gut, tut immer gut, lenkt einen von den Sorgen ab :_kiss_:
Mach doch , was Du willst. Ich mach auch , was ich will.
Aber ich mach das wirklich.
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Re: Harfe mit Handicap

Beitrag von mygga »

So konkret, speziell für dich, ist die Frage nicht zu beantworten. Grundsätzlich würde ich sagen, es geht. Totaler Verzicht auf die linke Hand wurde schon erwähnt. Aber auch mit ein bis drei Fingern lässt sich viel machen.

Ob dir das reicht, hängt davon ab, was und wie du spielen willst - und ob dir im Vergleich dazu das reicht, was du mit deinen Händen rein körperllich umsetzen kannst. Das kannst du aber tatsächlich nur in der Praxis erleben oder erreichen.

Jetzt weiß ich nicht, woher du kommst, insofern ist das schwer einzuschätzen. Aber ich könnte mir vorstellen, mich mal mit dir zusammenzusetzen und tatsächlich an der Harfe zu schauen, was rein technisch ginge und was nicht. Dann wüsstest du mehr, bevor du in eine Harfe investierst.
Wo Sprache keine Worte hat, fängt die Musik erst an. (M.W.)
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merit
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Re: Harfe mit Handicap

Beitrag von merit »

Liebe Gwhen, hier die Seite einer Kollegin aus England:
http://www.stephwest.co.uk/

Bei ihr ist nicht nur die Motorik der linken Hand eingeschränkt, sondern der gesamte Aufbau der Hand ziemlich anders als bei den meisten Menschen.

Ob Du frustriert sein wirst oder nicht, hängt meiner Erfahrung nach (hier gehe ich konform mit Susanne Globisch) sehr von Dir selbst und Deiner Einstellung ab. Das klingt jetzt blöde psychologisch - ist meiner Meinung nach aber so :-)

Herzliche Grüße und viel Erfolg! Merit Zloch
Ghwenhyfar
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Re: Harfe mit Handicap

Beitrag von Ghwenhyfar »

Leute, ihr seid klasse!
Ich freue mich total über die vielen Rückmeldungen! Und noch mehr freue ich mich, daß sie so positiv und ermutigend sind! Und alleine die Tatsache, WIE sehr mich das Positive freut, zeigt mir, daß das wohl ein "Herzenswunsch" von mir zu sein scheint. ;-)
Also: Hier klngt für mich nix blöde oder psychologisch - ich habe Euch um eure Meinung gebeten und freue mich über jede Einzelne.
Vielleicht sollte ich was zu meiner "Motivation" schreiben. Mir geht es nicht um perfektes Beherrschen oder Spielen, ich habe auch keinerlei Ambitionen, irgendwas aufzuführen. ich war vor 20 Jahren in einem Harfenkonzert und das hat mich unheimlich berührt. Damals war es eben noch so, daß ich da einen gewissen Anspruch an mich hatte und ich wußte, daß ich den nicht erfüllen konnte. Nun ist es aber so, daß der Mensch sich ändert, man so seine Erfahrungen macht und ich inzwischen deutlich gelassener mit meinem Handicap umgehe. Und immer wieder habe ich erlebt, daß bei der Musik, die mich am meisten berührt, sehr oft eine Harfe im Spiel ist. Ich bin ein Mensch, der auch irgendwie glaubt, daß es seinen Grund hat, wenn ich immer wieder über die Harfe "stolpere"..., mag sich doof anhören, is aber so! Da ich zudem noch unheimlich gerne singe, nahm die Idee, ob ich mit einer Harfe einfache Begleitung spielen könnte, immer konkretere Formen an. Und mein laienhafter Gedanke war: Was auf ner Gitarre begleitend gezupft werden kann, müsste doch auch mit einer Harfe zu spielen sein. Ich würde mich da ungern vergleichen wollen, klar hat das auch mit Übung zu tun, aber es geht mir um das Gefühl, was damit verbunden ist, nicht um Perfektion...
Gerade mache ich mich schlau zum Thema Leih/Mietharfen..., das wär eine Möglichkeit herauszufinden, was da "mein" Weg sein könnte.
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Vera
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(mag ich immer noch sehr gerne spielen)
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HAKEN, keine Klappen
(allerdings hab ich sie in C-Dur gestimmt)

Dann ist mir kürzlich eine Camac Korrigan zugelaufen.
Mit Darmsaiten.... muss ich mch erstmal dran gewöhnen

Dann ist da noch Fröschlein, eine kleine,recht alte Harfe, hab ich mit Unterstützung von Karsten "renoviert" und nochmal zum Klingen gebracht

Aber wie ich mich kenne ist das noch nicht das Ende der
(Harfen) Geschichte

.
Wohnort: Frankreich in der Nähe von Saarlouis

Re: Harfe mit Handicap

Beitrag von Vera »

Hallo Ghwen,
Ich spiele seit etwa 3 Jahren Harfe, ohne grossen Anspruch, einfach nur aus Spass an der Freude, und ich muss sagen, die Freude ist nach wie vor da.
Ähnlich wie du es vorzuhaben scheinst, spiele ich gerne bekannte Melodien und bastle mir eine Begleitung dazu.
Du kannst Singen, das ist doch eine ganz tolle Sache (das könnte ich auch so gerne... aber hmmmm :_lipsrsealed_: )
Ich habe auch früher mal bisschen Gitarre gespielt, (einfache Akkorde zu einfachen Meodien)
Genau das mache ich nun auf der Harfe auch. (Nicht ausschliesslich, ich spiele auch andere Stücke)
Und ich finde das Begleiten auf der Harfe fast noch einfacher als auf der Gitarre, (wenn das Stück in der gleichen Tonart bleibt) und da findet man schon einige.
Und wenn du dazu dann singen kannst finde ich es auch nicht schlimm, wenn die Begleitung auf der Harfe etwas "dürftiger" ist, weil du nur eine Hand, oder vielleicht eine Hand plus einen Finger der gehandicapten Hand benutzen kannst.

Wo wohnst du denn?
Nicht zufällig im Saarland? (Ich könnte dir vielleicht für den Anfang eine Harfe ausleihen, oder man könnte mal was zusammen spielen, ich habe auch viele Noten)

Liebe Grüsse Vera
Reich ist, wer mehr Träume im Herzen hat, als die Realität zerstören kann
mygga
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Re: Harfe mit Handicap

Beitrag von mygga »

Ich fange gerade an, über einen Kurs "Improvisation mit ganz einfachen Mitteln" nachzudenken. Gerade weil du Harfe zum Ausdruck spielen willst.
Wo Sprache keine Worte hat, fängt die Musik erst an. (M.W.)
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