Chromatische Harfe

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Normalerweise sind Harfen diatonische Instrumente, d.h. pro Oktave gibt es sieben Saiten, die eine Dur-Tonleiter nachbilden. Dabei wechseln sich Halb- und Ganztonschritte nach einem unregelmäßigen Muster ab. Um tonartfremde Töne zu spielen, muss eine Saite (z.B. durch eine Mechanik) umgestimmt werden.

Bei der Chromatischen Harfe gibt es pro Oktave mindestens 12 Saiten, die strikt in Halbtonschritten gestimmt werden. Dadurch kann jeder Ton direkt und ohne Umstimmen erreicht werden. Im Gegenzug ist die Spieltechnik für chromatische Harfen deutlich anspruchsvoller als für Harfen klassischer Bauformen.

Bei den chromatischen Harfen kann man grob zwei Grundformen unterscheiden: Es gibt chromatische Harfen mit zwei sich kreuzenden Saitenebenen und es gibt chromatische Harfen mit zwei oder drei parallelen Saitenebenen, jeweils mit mehreren Unterarten und spezifischen Vor- und Nachteilen. Die Unterschiede werden im folgenden detaillierter betrachtet. Harfen mit 12 Saiten in einer Ebene konnten sich nicht durchsetzen.

Entwicklungsgeschichte der chromatischen Harfen

Chromatische Harfen werden schon seit der Entdeckung der Chromatik in ganz Europa gebaut. Anders als die Pedalharfe konnte sich aber keine dieser Harfen überregional durchsetzen. Deshalb liegt in der folgenden Betrachtung der Entwicklung dieser Harfen vor allem ein Schwerpunkt auf der Entwicklung in den einzelnen Regionen.

Barock

Arpa Doppia und Arpa Tripla

Die Arpa Doppia ist die Harfe des barocken Italiens. In der oberen Hälfte der Harfe liegt eine diatonische Reihe vom Spieler aus gesehen rechts, die Reihe der Zwischentöne mittig versetzt links daneben. Die rechte Hand konnte dadurch leicht auf der diatonischen Skala spielen, für Zwischentöne greift der entsprechende Finger durch die diatonische Saitenebene hindurch auf die chromatische. Im Bass wurden die Saitenebenen getauscht, so dass die linke Hand ebenfalls leicht auf der diatonischen Ebene spielen konnte und für die Chromatik durch die diatonische Ebene hindurchgreift. Das Problem bei dieser Form der Harfe ist es, dass der Bereich zwischen Melodiespiel für die rechte Hand und Begleitung für die linke Hand ja nicht festgegelgt, sondern in der Praxis fließend ist. Diesem Umstand trug man Rechnung, indem in der Folge in der Mitte die Saitenebenen nicht doppelt sondern dreifach ausgeführt wurden: die äußeren Saitenebenen für die diatonische Skala, die mittlere Saitenebene für die Zwischentöne.

Bei der Arpa Tripla werden diese drei Ebenen vom Diskant bis zum Bass fortgesetzt.

Die Schwierigkeiten im Spiel dieser Harfenformen liegen zum einen darin, dass je weiter man sich von der Diatonischen Skala entfernt, um so weniger wird auf der leicht zugänglichen Saitenebene gespielt; und zu anderen muss man die zurückliegenden Saiten der chromatischen Ebene technisch sehr sauber zupfen, damit man nicht ungewollt die benachbarten Saiten der diatonischen Skala mitzupft.

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Arpa dos Ordenes

Auch in Spanien wurde zu dieser Zeit eine chromatische Harfe entwickelt: die Arpa dos Ordenes. Im Unterschied zur Arpa Doppia und Arpa Tripla liegen hier die Saitenebenen nicht parallel zueinander, sondern kreuzen sich. Eine Ebene senkrecht stehender diationisch gestimmer Saiten wird von einer Ebene schräg stehender Saiten mit Halbtonabstand von unten rechts (vom Spieler aus gesehen) nach oben links durchkreuzt. An den Stellen, an denen die diatonische Skala eh nur einen Halbtonschritt hat, fehlt die entsprechende Saite der chromatischen Ebene. Die Bauart ist also 7x5, d.h. eine Oktave besteht aus 7 diatonischen Saiten auf der einen Ebene werden von 5 Saiten auf der chromatischen Ebene durchkreuzt. Man kann vergleichend auch sagen, dass eine Ebene die weißen Tasten des Klavieres, die andere Ebene die schwarzen Tasten des Klavieres abbildet. Durch das überkreuzen der Saiten sind beide Ebenen für beide Hände gut zugänglich, ohne durch eine Ebene hindurchgreifen zu müssen. Auch hier werden die Tonarten, je mehr Vorzeichen sie haben, immer komplizierter zu spielen. Die Akkordbildung über den einzelnen Tönen ist anspruchsvoll, da selbst für den selben Akkord über jedem Halbton ein anderer Fingersatz verwendet werden muss.

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Welsh Triple Harp

Triple Harp
Saiten sind parallel zueinander in bis zu 3 Ebenen angeordnet

1629 wurde am Hofe des Britischen Königs der französiche Harfenspieler Jean le Flelle angestellt. Dieser spielte die italienische Arpa Tripla. Diese Harfe wurde dann von Waliser Harfenbauern und -Spielern übernommen und weiterentwickelt. Das Grundprinzip von zwei diatonischen Reihen außen und einer Reihe in der Mitte für die fehlenden Halbtonschrteitte blieb dabei erhalten, der Tonumfang wurde aber deutlich erweitert. Die Waliser Tripelharfe ist mit über zwei Metern Höhe und bis zu 99 Saiten der größte zur Zeit gespielte Harfentyp. Anders als die Arpa Doppia in Italien wird die Waliser Tripelharfe ununterbrochen bis in die heutige Zeit gespielt.

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Neuzeit

Pleyel-Harfe

Die Pleyel-Harfe wurde im 19.Jhd. ebenfalls nach dem Prizip 7x5 gebaut. Anders als die Arpa dos Ordenes wurde sie aber aus der schweren Bauform der Doppelpedalharfe weiterentwickelt. Bei der Pleyelharfe stehen beide Saitenebenen gleichermaßen schräg. Benannt ist dieser Harfentyp nach dem Musikhaus Playel in Paris, das diese Harfe entwickelt hat. Spieltechnisch hat sie die selben Vor- und Nachteile der Arpa dos Ordenes. Vor allem in den USA werden bis heute Harfen mit dieser Saitenanordnung gespielt, es gibt aber auch noch Spieler dieser Harfe in Deutschland.

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Bach Präludium BWV 851 auf einer Pleyel-Harfe bei Youtube

Greenway-Harfe

Die 1895 von Henry Greenway in New York entwickelte Doppelchromatische Harfe ähnelt von der Saitenanordnung der Pleyel-Harfe. Im Unterschied zu dieser enden beide Saitenreihen oben allerdings nicht auf dem selben Hals, sondern jede der beiden Saitenreihen hat ihren eigenen Hals. Die Harfe hat somit auch zwei Säulen, die sich ebenfalls kreuzen.

Webseite zur Harfe mit Foto

Weigel-Harfe

Die Weigel-Harfe wurde von dem deutschen Karl Weigel gebaut, der sie sich 1900 hat patantieren lassen. Auch er hatte die Doppelpedalharfe als Vorbild und hat aber alle 12 Saiten einer Oktave in einer Ebene strikt im gleichen Abstand gespannt. Diese Bauform konnte sich aber nicht durchsetzen, wohl auch weil die Gradwanderung zwischen möglichst geringerem Saitenabstand (und damit Errichbarkeit einer Oktave mit einer Handspanne) und möglichst großem Saitenabstand (und damit besserer Spielbarkeit) nicht gemeistert wurde.

Hier spielt Laura Perrudin auf einer von Philippe Volant gebauten einreihigen chromatischen Harfe: Youtube-Video

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Moderne chromatische Harfe 6x6

Chromatische Harfe 6x6
Saitenebenen kreuzen sich

Bei der chromatischen 6-6 Harfe kreuzen sich zwei Saitenebenen in X Form. Jede Ebene enthält sechs Töne: Die eine Ebene enthält die Töne C, D, E, F#, G#, A#, die andere Ebene die Töne C#, D#, F, G, A, H. Es sind also zwei Ganztonreihen. Diese Harfe ist beliebt für Jazz, weil die Akkordbildung über alle Halbtöne einfachen, wiederkehrenden Mustern folgt. Melodiespiel auf einer diatonischen Skala ist im Gegenzug aber deutlich schwieriger als bei anderen (auch chromatischen) Harfenformen, weil für die Bildung einer diatonischen Skala die Saitenebene pro Oktave zwei mal gewechselt werden muss.

Strings left.png

Spieltechnik der 6x6 Harfe

Tonleiter

Bei der 6x6 Harfe gibt es für alle Durtonleitern nur zwei Muster: 3 unten, 4 oben, 1 unten und die gespiegelte Variante 3 oben, 4 unten, 1 oben.

Von C nach D (und andere Ganztonschritte) versetzt man das gleiche Muster nur um eine Saite. Von C nach C# wird das Muster gespiegelt: 3 oben, 4 unten, 1 oben. Ebenso wechselt das Muster von der rechten zu der linken Hand, denn da sich die Saitenebenen ja überkreuzen sind die rechte und linke Hand immer spiegelverkehrt. Man greift also einen Dreiklang mit rechts anders als mit links.

Maj scale left.png

Akkorde

Allerdings muss man für Dreiklänge auch nur zwei Muster lernen.

Am folgenden Bild lässt sich schön erkennen, dass der Fingersatz bei der Dreiklangbildung beim Versetzen um einen Ganztonschritt gleich bleibt:

Griffweise Dur.png

Beim Versetzen um einen Halbtonschritt wird das Muster gespiegelt. Der Daumen der rechten Hand rutscht auf die obere Ebene, die anderen Finger auf die untere. Bei der linken ist es entsprechend umgekehrt. Es entsteht eine typische Drehbewegung der Hand, bei der der Daumen mal oben, mal unten ist. Dies ist anders, als die klassischen Handhaltung der diatonischen Harfe, bei der der Daumen immer oben ist.

Weiter Infos dazu auf www.chromatiker.de

Chromatische Harfe lernen?

Die Chromatische Harfe unterscheidet sich sehr stark von der diatonischen Harfe. Als Umsteiger muss man das Instrument nochmal komplett neu lernen. Wer sich für die chromatische Harfe interessiert, muss also nicht erst den Umweg über die diatonische Harfe nehmen, sondern kann direkt mit der chromatischen Harfe anfangen. Es lässt sich nicht viel von der einen auf die andere Harfe übertragen. Die Handhaltung und Fingersätze unterscheiden sich durch die zwei Ebenen stark. Den Harfenspielern, die gleich chromatisch gelernt haben fällt dieses Instrument oft leichter, als den Umsteigern, die stets das eine mit dem anderen System vergleichen.

Die Entscheidung chromatisch oder diatonisch sollte man nach der bevorzugten Musikrichtung treffen. Man sollte sich fragen, ob man alle Halbtöne für seine Musik braucht, damit sich der Mehraufwand des Lernens lohnt. Für Jazz, neue Musik oder Klassik ist die chromatische Harfe sehr sinnvoll. Für Musik, die innerhalb einer Tonart bleibt und nur vereinzelt tonleiterfremde Töne verwendet, "reicht" die diatonische Harfe aus. Die Chromatische Harfe bietet mehr Möglichkeiten, aber während des Lernens wird man öfters danebengreifen und Missklänge dulden müssen. Dennoch ist das Instrument nicht unlernbar und sehr logisch aufgebaut.

Als Unterrichtsmaterial gibt es von Christoph Pampuch das Heft hmc 1 - Die Grundlegende Spielweise. http://www.harpamundi.de/noten_xh/noten_xh.htm Wenn man mit den Grundlagen vertraut ist, kann man Klaviernoten für die chromatische Harfe verwenden. Die Fingersätze müssen dann natürlich alleine erarbeitet werden.

Nicht alles ist auf der chromatischen Harfe gleich gut zu spielen, so kann es vorkommen, dass ein einfaches Stück von der diatonischen Harfe auf der chromatischen Harfe komplexer oder einfach schwierig zu greifen ist. So kann man sagen, dass jeder Harfentyp seine Berechtigung hat, sowie seine Vor- und Nachteile hat.


Vorteile der 6-6 Harfe

-keine Mechanik, die gewartet werden muss

-jeder Ton hat seinen "Platz"

-alle Tonarten sind gleichberechtigt

-chromatische und diatonische Musik ist spielbar

-Stammtöne und Halbtöne sind gleichzeitig verfügbar

-keine Klappenstellungen oder Pedalstellungen, die man sich merken muss

-einfach zu transponieren

-nur zwei Griffe für Tonleitern, Akkorde usw.


Nachteile der 6-6 Harfe

-mehr Lernaufwand als diatonische Harfe

-Missklänge beim Üben

-wenig verbreitet: kaum Lehrer und Unterichtsmaterial